Über Bienen und Büffeln

Ergebnis des Fachdialogs "Das Elektroauto und die Zulieferindustrie. Herausforderungen und Chancen."

Die Elektrifizierung des Automobils ist keine neue Idee. Bereits 1888 fuhr der erste elektrische PKW völlig emissionsfrei durch Coburg. Doch der breite Erfolg blieb dem E-Auto nicht vergönnt. Der Verbrennungsmotor trat Anfang des 20ten Jahrhunderts seinen weltweiten Siegeszug an. Nach einer mehr als 100-jährigen Erfolgsgeschichte dieses konventionellen Antriebs scheint es, als begänne noch in diesem Jahrzehnt die Ära der Elektromobilität.
Fast täglich liest man von neuen Prognosen über eine Vervielfachung der Nachfrage (besonders in Asien), von politischen Forderungen in Europa, von Restriktionen, sauberen Innenstädten und Kindern, die lieber vernetzt mobil sind, als einen Führerschein machen zu wollen. Es brodelt und zischt in der Automobilindustrie. Anlass genug für das Automotive Cluster Ostdeutschland (ACOD) zusammen mit dem Bundesverband eMobilität (BEM) und mit der Unterstützung der StrategieWerkstatt "Industrie der Zukunft" diesen ersten Fachdialog zu veranstalten.

Die Hersteller verändern bewährte Strategien, um auch international den Anschluss zu behalten und setzen mit Innovationen neue Meilensteine. Doch nicht nur an der Oberfläche sind die Wellen der Veränderung zu spüren. Die Zulieferindustrie ist in hohem Maße abhängig von den Entwicklungen und Veränderungen des Automobils. Neue Herausforderungen, neue Geschäftsbereiche und neue Chancen bieten sich insbesondere für die ostdeutsche Zuliefererlandschaft, denn zwischen Zittau, Suhl, Wismar und Greifswald braut sich etwas zusammen. Gerade die enge Verzahnung der technischen Hochschulen, der wissenschaftlichen Institute, der strategischen OEM-Werke und insbesondere einer vielseitigen und innovativen Zuliefererlandschaft ermöglicht hier eine beständige und erfolgreiche Umsetzung von Zukunftstechnologien.

130 Jahre nach dem „Flocken Elektrowagen“ eröffnete Hans-Peter Kemser, BMW Werksleiter und ACOD-Vorsitzender als Gastgeber den Fachdialog im BMW Group Werk Leipzig, bei dem bewusst der Austausch im Vordergrund stand. „Das Interesse für das Thema war beeindruckend“, so Kemser „nach 200 Buchungen mussten wir einen Anmeldestopp vornehmen, da der Raum keine Kapazitäten mehr zuließ.“  BMW produziert im Werk Leipzig Elektrofahrzeuge und Verbrenner auf zwei getrennten Linien. „Doch das wird sich ändern“ so Kemser. Die Zukunft der Produktion wird flexibel und kundenzentriert unabhängig vom Antrieb ablaufen. „Diese Umstellung ist aufwendig, aber nötig, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Für diese flexible Produktion brauchen wir vor allem flexible Zulieferer.“ In diesem Bereich produziert BMW im Werk Leipzig zurzeit die E-Fahrzeuge i3 und i8 sowie ein Hybrid Modell.

Auf dem Gelände des BMW Group Werks Leipzig summen nicht nur Elektromotoren, sondern auch einige Bienenvölker. Biodiversität und Industrie wird so vereinbar. Und auch bei Volkswagen in Zwickau spürt man den ökologischen Einklang. Im Werk an der Mulde findet bald eine Herde Wasserbüffel ein Zuhause.

Auch Volkswagen baut in Sachsen das Kompetenzzentrum für E-Mobilität aus. Die Transformation des Werks in Zwickau zur E-Fabrik zeigt den klaren Fokus des Konzerns und belegt die These der Veränderung in der Region. Dennoch beruhigte Prof. Dr. Fiebig die anwesenden Partner aus der Zulieferbranche. Er unterstrich die Relevanz des Diesel-Antriebs. Auch konventionelle Antriebe werden für VW weiterhin Teil des Straßenverkehrs und der Produktion bleiben. Die Mobilität der Zukunft lässt sich vor allem mit neuen Innovationen und Technologien ermöglichen. Hier setzt VW auf die systematische Förderung von Start-Ups in der Struktur der gläsernen Manufaktur in Dresden. Fiebig betonte jedoch, dass der Fokus nicht nur auf jungen Start-Ups liegen darf. Für ihn sind es langfristige Kooperationen und Partnerschaften mit markterprobten Unternehmen, die einen Mehrwert garantieren. Auch VW setzt in Zukunft auf eine Flexibilisierung durch einen modularen Elektro-Baukasten in der Produktion.

Im zweiten Dialog wagten die Referenten einen Blick über den Tellerrand. Während Dr. Marcel Kappel von der VDI/VDE Innovation Technik GmbH auf die Absatzprognosen im asiatischen Markt verwies, verdeutlichte Christoph Stürmer von PricewaterCoopers (PwC) die automobile Transformation anhand der Daten einer aktuellen Studie. In einer offenen Podiumsdiskussion sprachen die Referenten über die Veränderungen des Marktes bis 2030. Ein genereller Wandel des Mobilitätsverhaltens, die gemeinsame Nutzung von Fahrzeugen und das autonome Fahren werden zu einem sinkenden Fahrzeugstand in Europa führen. Ein Wachstum auf dem Neufahrzeugmarkt ist dennoch zu erwarten. Beide Referenten sind sich sicher: „Die Zukunft wird elektrisch.“

Trotzdem fehlen für die Umsetzung der flächendeckenden Elektrifizierung einige wichtige Faktoren. Im Podiumsgespräch mit Marius Baader vom Verband der Automobilindustrie (VDA) und Kurt Sigl vom Bundesverband Elektromobilität (BEM) lag der Fokus auf den Herausforderungen in der Praxis. Kurt Sigl forderte ausdrücklich Politik und Industrie auf „anzupacken und Versprechungen einzulösen“. So beklagte Sigl u.a. fehlende gesetzliche Regelungen zu Ladestationen in Mietobjekten. „Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen in Deutschland, um den Wandel zu ermöglichen.“ Marius Baader betonte vor allem die Bedeutung der Planungssicherheit für die Zulieferer. Das Risiko trage häufig der kleine und mittelständische Unternehmer, so auch die Reaktion aus dem Auditorium. „Ein Vertrauensverhältnis mit klaren Regeln sei Grundlage für Umstellung und Flexibilität.“ Die teils emotional geführte Diskussion wurde im nächsten Block weitergeführt. Hier standen Verantwortliche von Porsche Leipzig, BMW und des Tier-1 Zulieferers Robert Bosch GmbH Rede und Antwort. „Wir erwarten von unseren Partnern ein hohes Maß an Flexibilität und Geschwindigkeit“, so Stefan Brandlhuber aus dem Bereich Einkauf/QTM bei BMW. Auch ein höheres unternehmerisches Risiko für Investitionen ist sinnvoll. Innovative Ideen müssen auf sichere Fundamente gestellt werden - „Think Start-Up, act Grown-Up“.

Im letzten Dialog präsentierten mehrere Zulieferer ihre Unternehmen und Ansätze, mit dem Wandel umzugehen. Dabei fiel vor allem auf, wie wichtig die Mitarbeiter für den Erfolg von Veränderungen und Umstrukturierungen sind. „Die größten Innovationsquellen sind im Unternehmen“, so Thomas Müller von Continental Automotive. „Es ist wichtig sie bei Prozessen mitzunehmen.“  Weitere Themen des Blocks „BEST PRACTICE – Wandlungsbereitschaft von Zulieferern bei steigendem Anteil an E-Fahrzeugen“ waren das wachsende Geschäft in Asien, die eigenen „Innovationsprojekte“ und den neuen Kunden im Elektro-Sektor. Zum Abschluss des Fachdialogs bekräftigte Hans-Peter Kemser die Notwendigkeit der Zusammenarbeit in der gesamten Produktionskette und dass der ACOD als Netzwerkpartner den Austausch verschiedener Akteure in Ostdeutschland auch weiterhin gerne zusammen mit den Landesinitiativen unterstützt.

Es scheint, als beginne nun die Zeit des Elektro-Autos. Starke Hersteller und mutige Partner stehen am Ende des Fachdialogs ein Stück näher zusammen, um die nötigen Schritte zu gehen. Für eine wettbewerbsfähige Industrie, für eine elektrifizierte Region und für ein innovatives Europa.

 

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